Weltumsegelung mit der Sagitta, Segeln News, Tagesbericht 22
Datum: Sat, 23 Feb 2008 12:45:18 -0000 (GMT) - Unser Standort: Panamakanal
Um es kurz zu machen, die Geschichte von der Panamakanalpassage war nicht unendlich.
Sie ist zu Ende, und zwar erfolgreich. Wir sind im Pazifischen Ozean!
Unsere weitern Line-Handler fanden wir unter den Seglern, es war ein deutsches Paar, Tanja und Bernd, das schon seit August in Panama ist und auch schon eine Kanalfahrt mitgemacht hat. Sie hatten Probleme mit ihrem Motor, waren zwischendurch in Deutschland und haben jetzt einen Motor aus einem Unfall-Lkw gekauft, identisch mit ihrem alten Mercdedes-Motor, den sie nun noch mit den Teilen ihres alten Motors zum Segelbootmotor umbauen müssen.
Die beiden haben Mut. Sie kannten auch einen Adviser persönlich. Was ist ein Adviser?
Große Schiffe brauchen einen Lotsen. Segelbooten wird ein Adviser zugewiesen, der die ganze Zeit neben dem Rudergänger aufpasst, was dieser macht und Anweisungen gibt, wie der Rudergänger und die Line-Handler agieren müssen. Es ist also auch eine Art Lotse. Tanja und Bernd fragten ihren Bekannten nun, ob er die Tour nicht mit uns machen könne.
Sein Dienstplan ermöglichte ihm aber nur eine Fahrt am Montag, so dass ein anderer Adviser uns am Dienstag begleitete. Am Sonntag mussten wir noch einmal telefonisch die Bestätigung für den Termin holen. Es blieb bei Montag, und zwar sollten wir um 17 Uhr am Ankerplatz für die Yachten sein, aber am Montag um 15 Uhr noch mal anrufen, ob sich nichts geändert habe. Am Montagmorgen kauften wir noch einmal für den Pazifik ein, vor allem aber Essen und Getränke für den Adviser und die Line-Handler.
Im Vertrag mit der Panamakanal-Behörde steht wörtlich, dass der Adviser ein Recht auf ein Dinner, ein Lunch, gekühlte Getränke und Snacks habe. Man erzählt sich, einem Adviser sei so Unappetitliches serviert worden, dass er sich ein Mittagessen aus einem Schnellrestaurant mit einem Lotsenboot habe kommen lassen, auf Kosten der Schiffsbesatzung natürlich.
Das Essen habe 5$, der Transport 240$ gekostet. Das sollte uns nicht passieren!
Am Montag riefen wir um 15 Uhr noch einmal an und bekamen die Bestätigung für 17 Uhr, sollten aber über Funk auf Kanal 12 erreichbar sein. Um 16 Uhr verließen wir aufgeregt mit den Line-Handlern an Bord die Marina, nachdem wir schon eine Bolognese-Soße vorgebraten und vorgekocht hatten. Um 17.30 Uhr erhielten wir über Funk die Nachricht, die Adviser kämen erst um 18.45 Uhr. Tanja und Bernd hatten uns aber schon vorgewarnt, dass es nie pünktlich losginge.
Um 19 Uhr kamen die Adviser und wurden auf die Schiffe verteilt, die geschleust werden sollten, und tatsächlich war dem bekannten Adviser auf seine Bitte hin unser Schiff zugeteilt worden. Um 19 Uhr erfuhr unser Adviser - er hatte sein eigenes Funkgerät - , dass sich die Sache verzögere, weil ein Kreuzfahrtschiff in der Schleuse einen Passagier mit Herzproblemen an einen Kranken-wagen übergeben müsse. Außerdem gebe es ein Motorenproblem an einem anderen Frachter.
Neuer Termin: 21 Uhr. Gute Gelegenheit, das Abendessen zu servieren. Es schmeckte, wie alle fanden, hervorragend, und um 20 Uhr fuhren wir vom Ankerplatz Richtung Schleuse, die anderen Schiffe folgten. Wir sollten zu dritt, zum Päckchen zusammengeschnürt, hinter einem Frachter geschleust werden. Ein größeres britisches Segelschiff, auf dem jugendliche Schulkinder betuchter Engländer einige Monate Unterricht haben und dabei über die Weltmeere schippern, sollte später alleine hinter einem Frachter geschleust werden. Kaum an der Gatun-Schleuse angekommen, erfuhr unser Adviser, das das Schulschiff schon jetzt zusammen mit den beiden anderen geschleust werden sollte und wir erst danach alleine.
Neuer Termin: 22.30 Uhr. Hier scheinen wohl Bakschisch oder Beziehungen im Spiel gewesen zu sein. Das war für uns ein kleiner Schock. Normalerweise wird man mit anderen Segelschiffen im Päckchen geschleust, so dass die äußeren Schiffe nur jeweils 2 Line-Handler im Einsatz haben und die beiden anderen jeweils helfen oder ablösen können und das mittlere Schiff gar nichts zu tun hat. Nun mussten bei uns aber alle ran! Nachdem wir seitlich des Fahrwassers vor Anker gegangen waren, kam zur angegbenen Zeit tatsächlich "unser" Frachter, ein ganz großer!
Wir gingen Anker auf und folgten dem Schiff genau nach Anweisung des Advisers, da der Frachter mit Schlepperhilfe zentimetergenau in die Schleusenkammer bugsiert werden musste, und die Schlepper anschließend nach rückwärts wegfuhren. Dafür mussten wir ihnen Raum geben. Während wir in die Schleusenkammer fuhren, warfen die Männer von der Schleusenmauer so genannte "Affen", dünne Leinen mit einer harten Lederkugel vorne dran, auf unser Schiff. Man kam sich vor wie die Dosen in einer Wurfbude. An die dünnen Leinen wurden nun unsere dicken Panamaleinen geknotet, und die Männer zogen sie hoch und belegten sie auf den Pollern.
Sofort gab der Adviser Kommando, die Leinen dicht zu holen, denn schon schloss sich das Schleusentor. Augenblicke später schossen Millionen von Litern Wasser von unten in die Schleusenkammer. Es gibt zwei Geschwindigkeiten, Wasser einzulassen. Wir hatten natürlich die höhere Geschwindigkeit! Sofort wurde die Sagitta scheinbar von allen Seiten und in alle Richtungen gestoßen, und die Line-Handler hatten wirklich all ihre Kraft und ihr Geschick aufzubringen, das Schiff in der Mitte zu halten, jedes Mal die Leinen stramm zu halten, wenn Zug darauf kam, und schnell dicht zu holen, wenn sie etwas Lose hatten.
Es erforderte volle Konzentration. Der Wasserspiegel stieg unglaublich schnell, kein Vergleich zu Hollands Schleusen. Überall sah man Strudel, und das Wasser sprudelte wie in einem Kochtopf. Auch hier heißt es offenbar: Zeit ist Geld. Und dann noch einmal Spannung, als der Frachter losfuhr und uns sein Schraubenwasser erreichte. Aber auch hier ging alles gut. Das Ganze wiederholte sich noch zweimal, insgesamt wurden wir 26m über Meereshöhe gehoben. Mittlerweile war es 00.30 Uhr, und unser Adviser lotste uns in den Gatun-See zu einer Boje, an der man über Nacht liegen muss.
Anschleißend ließ er sich von einem Lotsen-boot abholen. Wir fünf anderen fielen todmüde um 2 Uhr in die Kojen und mussten um 6 Uhr schon wieder aufstehen, denn der neue Adviser war für 06.30Uhr angekündigt. Er kam um 7 Uhr, für panamesische Verhältnisse eine gute Zeit. Gleich hieß es Motor an, und wir fuhren 5 Stunden lang durch den Gatun-See, eine landschaftlich eine sehr schöne Tour, und anschließend durch den durchs Gebirge gesprengten Kanal. Um 12 Uhr mussten wir, wie es eigentlich schon gestern geplant war, uns mit den zwei anderen Yachten zum Päckchen verschnüren, alle Leinen ganz stramm, teilweise über die Winschen geholt, so dass wir ganz fest verbunden waren. Unsere Fender wurden ganz schön gequetscht. Das Schulschiff durfte jetzt alleine Schleusen, dann kam unser Päckchen, und hinter uns folgte ein Frachter, diesmal nicht ganz so groß, so dass wir alle gleichzeitig in die Schleusenkammer der San-Miguel-Schleuse passten.
Eine Stufe ging es abwärts. Im Vergleich zu gestern war es leichter, man musste die Leinen "nur" kontrolliert fieren, aber auch das erforderte volle Konzentration, denn das Päckchen musste genau in der Mitte bleiben und durfte nicht rechts oder links zu nah an die raue Schleusenmauer. Dann ging es im Päckchen weiter zu den nur 1,5sm entfernten Miraflores-Schleusen. Dort wiederholte sich alles noch zweimal, einige haben es vielleicht im Internet gesehen. Und dann ging tatsächlich das letzte Tor zum Pazifik auf! Ein tolles Gefühl. Das Päckchen wurde wieder getrennt, der Adviser ließ sich alsbald abholen und wir entließen unsere 3 Line-Handler am Balboa-Yachtclub an Land, während wir noch etwas weiter zum Ankerplatz fuhren.
Dort wiederholte sich heute wieder das Drama mit den Behörden, denn natürlich braucht man für die Pazifikseite wieder eine neue Fahrtgenehmigung, und wieder war entweder das Büro geschlossen, oder keiner war zuständig. Aber drüber regen wir uns mittlerweile gar nicht mehr auf. Neuer Versuch "manjana". Und dann schauen wir uns auch Panama-City an, bevor es weiter geht zu den "Las Perlas", einer Inselgruppe nur 35sm von hier entfernt.
Bis dahin grüßt Euch ganz herzlich
Eure doch etwas stolze Sagittacrew


