Reiseland Jemen , ein Bericht bei Divers Travel Guide
Sokotra Die Insel zum Sein - Auf einem der letzten Naturmuseen der Welt
„Insel des Glücks“ bedeutet ihr aus dem Sanskrit hergeleiteter Name:
Doch bekanntlich ist das Glück eine Frage des persönlichen Empfindens.
Informationen
Offiziell stellt Sokotra, größte Insel eines Archipels im Indischen Ozean, den ärmsten Teil des Jemen dar. Die Einheimischen außerhalb der Hauptstadt Hadibu leben in der Mehrzahl unter der Armutsgrenze – teilweise ohne Elektrizität und fließendes Wasser, in einfachen Steinhütten, die sich fernab der wenigen asphaltierten Straßen zu kleinen Streusiedlungen zusammenfinden.
Auch für den Pauschaltouristen, der Urlaubsglück mit Vier-Sterne-Service, faulen Nachmittagen am Pool und ausgelassenen Abenden an der Hotelbar verbindet, ist Sokotra kein erstrebenswertes Ferienziel.Dabei hat die Insel, die 240 Kilometer von der Küste Somalias entfernt liegt, rein äußerlich all das zu bieten, was ein Touristenherz ins Schwärmen bringt: kilometerlangen, blütenweißen Sandstrand, azurblaues Meer, ein Paradies für Taucher und Schnorchler, und eine Landschaft, die mit ihren einsamen Lagunen, kantigen Bergmassiven, schütterem Buschland und dichten Palmenwäldern an Vielfältigkeit kaum zu überbieten ist. Doch wer die bizarr gewachsenen, archaischanmutenden Drachenblutbäume oder die Granittürme des zentralen Haghir-Gebirges mit seinen 1525 Metern Höhe bewundern möchte, muss auf das Mietauto oder den bequemen Reisebus verzichten und offroad über holprige Schotterpisten ins Landesinnere fahren. Dort übernachtet der Reisende im Campingzelt – und bekommt zum Abendessen ein frisch geschlachtetes Zicklein oder einen gegrillten Fisch, den der einheimische Führer frisch aus dem Meer gezogen hat. Zum Dessert gibt es einen grandiosen Sonnenuntergang. Wer angesichts dieser Romantik fernab jeglichen Kitsches keine Glücksgefühle bekommt, der ist, so sind die einheimischen Touristenführer überzeugt, ein seelenloses Wesen. Trotzdem gibt es nach einer Nacht im Zelt oft kein glückliches Erwachen: Die Wolken, die sich tagtäglich im Gebirge zusammenbrauen, schieben die Feuchtigkeit bis in die Täler. Schwitzend und angesichts der Feuchte zugleich fröstelnd erwacht der Camper am nächsten Morgen in seinen klammen Kleidungstücken.
Das Abenteuer Sokotra haben bislang vor allem Biologen, Ornithologen, Botaniker und Höhlenforscher gewagt. Für sie besteht die Mystik der „Insel der Glücks“ vor allem in ihrem weltweit einmaligen Reichtum an Flora und Fauna, den die Insel einem glücklichen Umstand zu verdanken hat: Noch bis vor wenigen Jahren war sie von der Außenwelt fast das ganze Jahr hindurch abgeschnitten. Einen Verkehrsflughafen gibt es erst seit 1999. Vorher landeten nur selten ein paar kleine Flieger sowie Militärflugzeuge auf der unwegsamen Schotterpiste von Mori. Auch ein sicherer Zugang per Schiff war nur von Ende November bis Anfang April möglich. Im Sommer toben auf dem Archipel schwere Monsunstürme, noch im Oktober ist mit heftigem Dauerregen zu rechnen. Dieser Isolation, verursacht durch eine seit 15 Millionen Jahren fehlende Landverbindung zum Horn von Afrika, verdankt der aus vier Inseln bestehende Archipel seine Charakterisierung als „Galapagos des Indischen Ozeans“. Weltweit gibt es nach Einschätzung der Vereinten Nationen kein zweites Gebiet, dessen ökologisches Gleichgewicht so im Lot ist wie auf Sokotra. Etwa 30 Prozent aller Pflanzen kommen nur hier und nirgends sonst auf dem Erdball vor. Auch die Tierwelt verfügt über einen einmaligen Reichtum an Endemiten.
Von den über 100 Vogelsorten gelten allein sieben als einzigartig. Als eine der zehn Inselgruppen der Erde mit den meisten endemischen Formen erklärte die UNESCO Sokotra deshalb 2003 zum „Mensch- und Biosphären-Reservat“. Ein Schutzprogramm, das die Inseln in vier unterschiedliche Zonen unterteilt, soll dieses einzigartige Naturmuseum für die Nachwelt erhalten. Verantwortlich für die Umsetzung ist das United Nations Development Programm (UNDP), das seit 1996 Wissenschaftler, Naturschützer, Ethnologen und Geographen auf den Archipel schickt. Projektmanager Achmad Saeid Suliman schwärmt in seinem Büro in der Hauptstadt Hadibu von der guten Zusammenarbeit der Projektunterstützer, zu denen neben der Republik Jemen auch die Regierungen der Niederlande, Italien und Polen gehören. Es wurde ein „Conservation Zoning Plan“ erarbeitet, der für die Insel sowie den Küstenbereich und die Unterwasserwelt drei Zonen vorsieht: nach Angaben des Fachmannes für Vögel und Pflanzen umfasst die größte Zone („Resource Use Reserve“) rund 24 Prozent der Landfläche sowie innerhalb eines 12-Meilenbereichs das Gewässer rund um die Insel. Der Bereich „National Park“ umfasst 72 Prozent der Landfläche. Die Planer wollen damit erreichen, dass das einzigartige Ökosystem vor Zerstörung oder Besiedelung so weit wie möglich geschützt wird. Darüber hinaus wurden etwa 2,5 Prozent als strikt geschützte Naturreservate ausgewiesen. Zu den bereits bestehenden drei Reservaten DiHamri, Homhill und Ditwah sollen in den nächsten Jahren vier weitere hinzukommen.
Die Reservate sind für Touristen sehr interessant, allerdings müssen sie bereit sein, eine Vielzahl strenger Auflagen zu beachten. Zum außergewöhnlichen Naturerbe gesellt sich eine ebenso einmalige Geschichte, die reich an Legenden und Mythen ist. Durch die exponierte Lage am südlichen Eingang zum Roten Meer, den Reichtum an Süßwasser, Weihrauch, Myrrhe und Aloe, kam dem Archipel bereits in der Antike eine große Bedeutung zu. Zu den Zeiten Abrahams reisten Händler aus Ägypten, Afrika, Indien und Arabien auf die Insel.Die alten Ägypter verehrten Sokotra als die „Insel der Götter“. Mit dem Harz der heiligen Bäume balsamierten sie ihre Mumien ein. Als Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts auf dem Weg nach China auf der Insel Station machte, waren aus frühen Missionszeiten noch Kirchen vorhanden. Mehr als ein Jahrtausend lang war die Bevölkerung christlich, bis sie im 15. Jahrhundert unter die Herrschaft südarabischer Königreiche geriet. Als sich der Sultan von Quishn 1834 weigerte, die Insel den Briten zu übergeben, wurde sie von der East Indian Company besetzt. Von 1876 bis 1967 unterstand sie der britischen Verwaltung. Heute gehört Sokotra zur Republik Jemen.
Während sich im Küstenbereich eine gemischtrassige Bevölkerung aus Arabern, Indern, Afrikanern und Portugiesen niedergelassen hat, lebt in der Bergregion eine Urbevölkerung, die noch eine uralte, ungeschriebene südarabische Sprache pflegt. Angesichts dieser historischen, botanischen und biologischen Einmaligkeit ist der Tourismus Fluch und Segen zugleich: Auswärtige Investoren stehen mit ehrgeizigen Plänen für Luxushotels samt Golfplätzen bereits in den Startlöchern. Begehrtestes Ziel: der traumhafte Korallenstrand von Delisha, 15 Kilometer von der Hauptstadt Hadibu entfernt. Achmad Saeid Suliman sieht in dieser Art Tourismus jedoch das einmalige, jedoch diffizile ökologische Gleichgewicht der Insel in Gefahr. Er setzt auf einen sanften Tourismus für Menschen, welche die Einsamkeit einer unberührten Landschaft dem Hoteltrubel vorziehen, die beim Betrachten von Naturschönheiten eher ihr Glück finden als in klimatisierten Räumen und ondulierten Rasen. Es gibt in der Hauptstadt Hadibu zwischenzeitlich einige einfache Hotels. Von dort aus geht es samt Fahrer und Führer ins Landesinnere. Auf seinen Reisen entlang der Küsten oder über die Schotterstrecken in die Bergregionen trifft der Besucher Menschen, die noch so autark leben wie vor Jahrhunderten.
Gelassen und mit der für sie typischen freundlichen Distanz registrieren sie die Fremden in ihrem Paradies, von denen sie bislang noch immer annehmen, dass sie aus wissenschaftlichem Interesse an Botanik und Tierwelt gekommen sind. Andächtig steht der Besucher vor den bis zu acht Meter hohen, bizarren Drachenblutbäumen (Dracaena cinnabari), den Wahrzeichen Sokotras. Der Name des Baums, so eine der vielen Legenden, geht auf die Bluttat von Kain und Abel zurück. Eine andere Sage erzählt vom Kampf eines Drachen mit einem Elefanten. Aus dem Blut der beiden Tiere, die hierbei den Tod fanden, entstand der Baum, berichten Einheimische. In der Tat fließt aus der Rinde ein durchsichtiges, rötlichbraunes Harz. Das Drachenblut wird in der Medizin und als Farbstoff für Marmor, Leder und Holz eingesetzt. Auf den Anhöhen des Kalksteinplateaus von Sokotra schlängeln sich Gurken- und Flaschenbäume (Dorstenia gigas, Adenium obesum) mit ihren geschwollenen Stämmen sowie die berühmten, knorrigen Weihrauchbäume (Boswellia ameero etc.), von denen auf Sokotra allein sieben Arten vertreten sind.
Offroad geht es talabwärts über Plateaus, von denen aus sich ein einmaliger Ausblick auf eine Märchenküste mit einem weißen Sandstrand eröffnet, der fast die ganze Insel umsäumt. Vor den Augen von Bootsausflüglern tummeln sich Delphine und Wale – Szenen, die so unwirklich erscheinen, dass sich der Gast fühlt, als tauche er ein in eine Welt, wie sie nur die Phantasie ausmalen kann. Hohe Sandkegel, grüne Palmenhaine, weites, dürres Buschland, zackig emporragende Bergmassive, dazwischen Flussläufe, deren Wasser nie das Meer erreicht, und kleine Weiher, bei denen freie Sicht bis auf den Grund herrscht und die von einer zarten Begonia socotrana gesäumt ist: Zu dieser einmaligen Landschaft gehört eine Tierwelt, die ebenfalls als weltweit einzigartig gilt. Allgegenwärtige Begleiter der Reisenden: die Schmutzgeier, die am Himmel ihre Runden ziehen und auf dem Archipel die weltweit größte Population dieser Ordnungsvögel darstellen. 90 Prozent aller Reptilien, die auf der Insel leben, sind endemisch – unter ihnen gibt es allein 13 Gecko-Arten. Nachts gehört die Insel den großen, weißen Geisterkrabben, die bei ihrer Futter- und Weibchenjagd nicht selten auch verstohlen an den Zeltwänden kratzen. In den Palmwäldern spüren die Einheimischen die Schaum- oder Zibetkatzen auf, um aus ihren Drüsen das Sekret herauszudrücken. Daraus wird ein Duftstoff gewonnen, aus dem Parfüm hergestellt wird. Eine Ausbeutung, bei der die Tiere nicht getötet, sondern nur kurzfristig gefangen genommen werden. Einheimische Säugetiere sind hier jedoch nicht zu finden – ebenso wenig wie Hunde oder Hühner.
Nutztiere wie Ziegen, Schafe, Rinder, Dromedare und Esel wurden eingeführt. Vor allem die vielen Ziegen, die in den dichter besiedelten Gebieten nahe der Hauptstadt Hadibu mit ihren steinernen Flachbauten das Bild der Ebenen prägen, führen zu einer zunehmenden Überweidung. Mit der Folge, dass junge Pflanzen nur schwer gedeihen und die Population der berühmten Drachenbäume bereits nachgelassen hat. In den entlegenen Regionen ist der schonungsvolle Umgang mit der Natur noch allgegenwärtig: Die Einheimischen entnehmen dem Land nur das, was sie zum Überleben und für den bescheidenen Handel mit Fisch und Datteln benötigen: Holzschlag, Anbau und Fischerei befinden sich hier im Einklang. Trotzdem ist der Einfluss des Festlandes auch auf Sokotra spürbar: Rund 8 000 der 55 000 Einwohner arbeiten als Gastarbeiter in den Golfstaaten, auf deren Transferleistungen kaum verzichtet werden kann. Die intellektuellen Köpfe des Archipels, das keinerlei Industrie aufweist, jedoch über ein gutes Schulsystem verfügt, setzen auf neue Einnahmequellen durch den Ökotourismus. 2003 gründeten sie die Socotra Eco-tourism Society (SES). Die SES stellt örtliche Führer, Dolmetscher, Vogelkundler und Botaniker, gibt Informationsschriften heraus und lenkt einen Teil der rund 1.500 Touristen in ausgewiesene Pfade. Wer sich auf dieses Abenteuer einlässt, gehört zu den Glücklichen, die das Glück in einer neuen Dimension erleben und für immer anders definieren werden.
© Dagmar Dieterle
Reiseinfos
Anreise
Verbindungen aus Deutschland nach Sokotra mit Yemen Airways über Sana’a, zweimal wöchentlich, Weiterflug freitags über Mukalla, montags über Aden. Das Ticket in der Economy Class kostet ab Frankfurt ca. 650 Euro. Für Tauchgepäck gibt es eine Spezialrate.
Unterkunft
in der Hauptstadt Hadibu in einfachen Hotels (Funduks), außerhalb in Zelten oder unter freiem Himmel.
Veranstalter
Jemen-Reisen organisiert von November bis April Touren in kleinen Gruppen nach Sokotra. Die Reisen können auch in Verbindung mit einer Reise durch das Wadi Hadramaut oder den Bergjemen kombiniert werden.
Weitere Informationen unter
www.jemen-reisen.de, Dagmar Dieterle, Haidenholzstraße 42, 83071 Stephanskirchen, Tel. 08036-90 37 0, Fax 08036-90 37 17 info@jemen-reisen.de



